Ulrich Klemens verfasste die Laudatio für Reinhold Biermann
Laudatio Reinhold Biermann
Lieber Reinhold,

ich kann mir gut vorstellen, wie Du Dich jetzt fühlst. Du wirst herausgeholt aus Deinen vielen Handlungsfeldern und hier in einer JHV zum Gegenstand einer Laudatio gemacht. Hier kannst Du nicht verschwinden. Du musst es Dir gefallen lassen, dass über Dich öffentlich gesprochen wird. Dabei scheust Du nicht die Öffentlichkeit und öffentliche Aufgaben.
Der jahrelange Vorsitz bei dem Pensionärsverein der Stadtwerke zum Beispiel, der Dich in eine herausgehobene Funktion brachte.
Auch als Alleinunterhalter warst Du schon durch die mit dem Wort verbundene Aufgabe besonders hervorgehoben.
Dennoch warst und bist Du nicht ein Mann der großen Schau, des effektvollen Auftritts und der geschliffenen Rede.
Deine Stärke liegt in dem persönlichen Umgang mit den einzelnen Menschen.

Mit einer großen Bandbreite bei den Formen der Ansprache und der Art der Kommunikation kannst Du ganz unterschiedliche Beziehungen aufbauen und verschiedene Menschen für ein gemeinsames Ziel gewinnen. Diese Fähigkeit haben wir genutzt, als es um den Aufbau des Arbeitskreises „Von Hand zu Hand“ ging. Wir brauchten jemanden, der bei vielen Helfern die Bereitschaft wecken konnte, bei der Lebensmittelausgabe mitzumachen.
Wann aber folgen Menschen dem Aufruf zur Mitarbeit?
Wer kann einfach sagen: “Komm, Willi, wir bauen eine eigene Sennestädter Tafel auf.“?
Das ist doch nur dann möglich, wenn der Auffordernde selbst Hand anlegt, selbst jede Arbeit macht und so selbst Vorbild ist.

Ein altes Sprichwort sagt: Lehren machen nur klug, Beispiele aber regen zum Handeln, zum Nachmachen an“.
Moderne Lerntheorien kennen die Wirkung des immitativen Lernens. Es ist eine der wirksamsten Formen der Verhaltensänderung.
Dein Beispiel hat also den ganzen Laden in Schwung gehalten, von Anfang an bis heute.
Deine Bereitschaft, als Fahrer zu arbeiten, beim Verteilen zu helfen, die Marktleiter zu „belabern“, damit sie uns weiter beliefern, die Truppe zu führen und Vereinszimmer und Keller in Ordnung zu halten, hat Dich zu einem Faktotum (Alleskönner) oder Libero des AK „Von Hand zu Hand“ gemacht.

Dass diese Beschreibung der Wahrheit entspricht, wird dadurch überdeutlich, dass mit Deinem Ausscheiden die Lebensmittelverteilung zunächst eingestellt wird. Für Dich ist schlicht kein Nachfolger vorhanden. Du kannst Dich rühmen, zumindest für eine noch unbestimmte Übergangszeit unersetzbar zu sein. Diese Bemerkung wird Dir nicht den Kopf verdrehen und Dir nun das Gefühl geben, dass es sich doch gelohnt hat, meine Laudatio bis hierhin anzuhören.
Es erhebt sich vielmehr die Frage, warum Reinhold Biermann bis zu seinem gesundheitlich begründeten Ausscheiden so gehandelt hat wie er gehandelt hat, nämlich uneigennützig und ohne sichtbaren Vorteil für seine Person.
Gehört Reinhold Biermann zu einer Gruppe von Menschen, die mehr als andere ein hohes Pflichtbewusstsein und sozialer Verantwortung empfinden?  Ich glaube, wir erleben im Augenblick eine starke Bewegung hin zu sozialer Kälte.
Es gibt einen Trend hin zu sozialer Ausbeutung und ungebremster Ausnutzung wirtschaftlicher und politischer Macht zum persönlichen Vorteil bis hinein in das höchste Staatsamt.

Das Verhalten von Reinhold Biermann und seiner „Von Hand zu Hand“ -Truppe ist vor diesem Hintergrund geradezu anachronistisch, gegen den Zeitgeist. Und dennoch glaube ich auch, dass unsere Gesellschaft ohne solche „Biermänner“ nicht überleben kann.
Ja ich weiß, dass es viele Beweise für diese soziale Gegenbewegung gibt. Wir müssen also nur die Gegenkräfte stärken und die destruktiven Elemente im Zaume halten, dann kann der soziale Friede in unserem Land erhalten bleiben.
Deswegen hoffe ich auch, dass wir „Von Hand zu Hand“ in einer erweiterten Trägerschaft in wenigen Wochen fortführen können.
Dann wirst Du ,lieber Reinhold, als Berater den Wiederaufbau begleiten, denn ohne Deine Sachkenntnis brauchen wir bedeutend mehr Zeit, um wieder in die Gänge zu kommen.
Für den Vorstand des Sennestadtvereins und für alle hier anwesenden Mitglieder bedanke ich mich bei Dir für Deinen einmaligen Einsatz für die Schwächsten in unserer Stadt.
Der Sennestadtverein hat so ein soziales Gesicht erhalten. Du erhältst diesen Dank formal gestaltet auf dieser Urkunde.

Der eigentliche Dank wird Dir zuteil
  • in der Erinnerung all der vielen hundert Menschen, denen Du zusammen mit Deinem Team geholfen hast,
  • und in der Tatsache, dass der AK „Von Hand zu Hand" immer mit Deinem Namen verbunden bleiben wird.
U. K. 27. Januar 2012