Almas Welt - Ausstellung der Künstlerin Alma Ştefănescu-Schneider
vom 30.10. bis 25.11.2011, im Sennestadthaus
 
Eröffnungsrede von Frau Doina Talmann, Galerie KunstArt in Bochum
 
Seien Sie, meine Damen und Herren, heute recht herzlich willkommen zu einer Begegnung mit einer besonderen Künstlerin:
Alma Ştefănescu-Schneider
. Ihr Talent ist unumstritten, ihre graphischen Kunstfertigkeiten sind von höchster Qualität, das Gefühl für Farbe begleitet ihr Werk. Ihre Fähigkeit, uns das Menschliche künstlerisch zu vergegenwärtigen, ist unerschöpflich. Alles in ihrem Umfeld kann zu einem Motiv werden. Ihre Arbeiten sind pointierte Skizzen des Alltags oder umfangreiche Geschichten über das Leben.
Geboren in Sibiu / Rumänien, Absolventin des Kunstinstituts „Nicolae Grigorescu” in Bukarest, Gewinnerin des Großen Nationalpreises für Grafik des Künstlerverbandes Rumäniens in 1978, trotz all diesen Voraussetzungen, die einer professionellen Karriere in ihrer Heimat perfekt entsprachen, entscheid sich Alma Anfang der 80-er Jahre für die Freiheit und verließ Rumänien in Richtung Bundesrepublik.
Im Gepäck führte sie ihre scholastischen, gut erworbenen Kenntnisse über die Techniken der Druckgrafik, ihre außergewöhnlichen graphischen Begabungen und ihre raffinierte innere Sensibilität. Aus dieser Sensibilität entstehen Werke, die zusammen einen Essay über den Ursprung der Formen bilden, um einen der bedeutendsten rumänischen Kunstkritiker zu zitieren, der über Alma geschrieben hat.
Mit beneidenswerter Leichtigkeit führt die Künstlerin ihr Zeichenwerkzeug über die Bildfläche. Sie setzt an und zieht ihre unendlichen Mäandern mühelos über kleinste und riesige Formate. Sie schafft aus unförmigen Gebilden purer Linien Konglomerate von Gestalten, die wiederum sich explosionsartig im Gewirr von Strichen sich auflösen. Alma schöpft aus ihrem eigenen Zeichenalphabet: Tupfen, Kringel, Kommas und Flecken, die ineinander gezirkelt, verdichtet, verbündelt, verknotet oder verschmolzen sind.
Expressiv-gestische Lineaturen formen in bewegten Feder- und Farbzeichnungen Figurationen, die entfernt und fragmentarisch an Menschen erinnern. Eine Welt entsteht, die lebenskräftig und oft bunt ist, wie auf der Leinwand hinter mir zu sehen - Vonobenguckend.
Das angedeutete Portrait auf dieser Seite entspringt gestischen Strukturen, konzentrierten Linienbündeln, nicht ausformulierten Formen, die sich in einer farbigen, expressiven Kartographie vereinen. Die pure Lust am grafischen Ausdruck, die Faszination der schöpferischen Kraft, die diesem Portrait innewohnen, begeistern den Betrachter.
Das Narrative in Almas Werk kann man wortwörtlich in den Schriftzeichen entdecken, die sie einsetzt. Es sind lesbare Buchstaben, die Gedankenfetzen und Stimmungen vermitteln und sich zweisprachig entziffern lassen, oder abstrakte Stilmittel, kaligraphische Kritzeleien, die die Kompositionen unterstützen, jedoch ohne sprachliche Bedeutung.
Häufig dienen die Schriftzeichen als Hintergrundmotiv, als Rahmung oder als Flächenkontrast zu einer expressiven Farbszenerie. Sie sind durch ihren disziplinierten Verlauf der beruhigende Kontrapunkt zu den flamboyanten Zeichnungen und den explosiven Farbschöpfungen, die Almas Werk eigen sind.
In der Arbeit Hüttenhospital / Station 3B wird der Schriftzug zu einer Webstruktur. Sie trägt die friesartig angeordneten Figuren, die von Schmerz, Angst und Ohnmacht gepeinigt sind. Die spannungsgeladene Gegenüberstellung vom persönlichen Leiden und der diaphaner, aquarellartiger Koloristik heben dieses Werk hervor. Erfahren im Umgang mit unterschiedlichen Bildträgern, sowohl mit Papier als auch mit Textilien, nutzt die Künstlerin die spezifischen Eigenschaften des jeweiligen Materials, um den Fond mit seiner Textur als konstituierenden Gestaltungsfaktor mitzuintegrieren.
Kompositionell setzt Alma auf verschiedenartige Strategien: mal füllt sie beispielsweise die Fläche friesartig mit Einzelszenen, mal zentriert sie ganz im Stile klassischer Bildtradition das Motiv, mal präsentiert sie handgeschriebene, geordnete Zeilen, die durch eruptive Farbkonzentrationen sich zu lösen scheinen, mal nützt sie dir Form des Triptychons um zur gewünschten kompositionellen Lösung zu kommen.
Thematisch durchmischen sich in Almas Welt Alltagsbegegnungen mit universellen Darstellungen, wobei das Beziehungsgeflecht von Mann und Frau unerschöpflich scheint. Die Figuren, die Beziehungen zwischen ihnen, die unentbehrliche Kommunikation sind konstante Elemente in den Werken der Künstlerin.
Ihre Figuren sind selten allein. Meistens treffen sie sich zu zweit, zu dritt oder bilden Gruppen, die miteinander reden oder sich streiten, die sich einander nähern oder entfernen, die Freunde, Fremde oder Feinde sind, die sich lieben oder sich nicht achten. Die ganze Palette des menschlichen Lebens und Miteinanders entdeckt der Betrachter in den Arbeiten der Künstlerin. Er erkennt individuell die abgebildeten Situationen, zieht parallele zu eigenen Erfahrungen, übersetzt sie zu neuen Mosaiksteinen, die zu unerwarteten, erstaunlichen Selbsterkenntnissen führen können t. Denn Kunst zu betrachten geht Hand in Hand mit der Herausbildung eines Verständnisses des Gesehenen, das über das Wahrnehmen und Analysieren von Details hinausgeht und zum Verstehen von größeren Zusammenhängen führt.
Nach dem Motto von Marcel Duschamp:
"Ein Kunstwerk existiert dann, wenn der Betrachter es angeschaut hat. Bis dahin ist es nur etwas, das gemacht worden ist, und wieder verschwinden kann, ohne dass jemand davon weiß.“
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Vergnügen beim Treffen mit Almas Werk.

Oder noch mal Duschamp:
„Alles in allem wird der kreative Akt, nicht vom Künstler allein vollzogen; der Zuschauer bringt das Werk in Kontakt mit der äußerlichen Welt, in dem er dessen tiefere Eigenschaften entziffert und interpretiert und damit seinen Beitrag zum kreativen Akt hinzufügt.“

Vertiefen Sie sich bitte, in ihrem eigenen „kreativen Akt".

30 Oktober 2011
Doina Talmann