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Kulturkreis: "Die Figur" Vernissage mit Jutta Kirchhoff


Grußwort von Ingo Stucke
Ich möchte mich herzlich für die Einladung zu dieser Vernissage bedanken und bin gerne heute morgen mit dem Fahrrad von Ubbedissen über
den Berg gekommen, um mit Ihnen gemeinsam die Ausstellung „Die Figur – Skulptur, Zeichnung Malerei“ zu eröffnen.
Ich überbringe Ihnen als Vorsitzender die Grüße des Kulturausschusses des Stadt Bielefeld - mit den besten Wünschen für zahlreiche
Besucherinnen und Besucher sowie lebendigen Auseinandersetzungen mit den hier ausgestellten Exponaten Ihres künstlerischen Schaffens.
(1) Zum Sinn und Nutzen der Künste im allgemeinen,
Von Helmut Schmidt als pragmatischen Realpolitiker stammt der Ihnen hinlänglich bekannte Satz "von den Visionen und dem Arzt". Ich will ihm medizinisch vielleicht recht geben, gesellschaftspolitisch indes heftig widersprechen: Ohne Träume, ohne Wünsche ohne unbegrenzte Phantasie bleibt die Kreativität auf der Strecke.
Aber wie anders als mit einem Höchstmaß kreativer Fähigkeiten sollten wir – individuell oder gesellschaftlich, privat wie beruflich,
wirtschaftlich und politisch - in Zeiten der Unübersichtlichkeit und der Krisen erfolgreich bestehen?
Die Erfahrung zeigt, dass der Schlüssel zu jeder Kreativität in der Mobilisierung der unausgeschöpften sinnlichen Potentialen der Menschen liegt. Unvoreingenommenes und neugieriges Sehen, sensibles Hören, differenziertes Geschmacksvermögen, die Wiederentdeckung des
Haptischen und Taktilen – sie sind die eigentlichen Schlüssel für Imagination (Vorstellungskraft), für Intuition (Eingebung) und Kreation
(Gestaltungsvermögen).
Es gibt viele Wege, diese Sinnenkräfte zu revitalisieren. Die Beschäftigung mit und die Lust an den Künsten – nichts öffnet wohl mehr
den Weg zu erweiterter Wahrnehmungsfähigkeit. Bildkunst, Musik, Theater, Literatur sind klassisch wie zeitgenössisch Avantgarden; ihre
höchst sensible Wahrnehmung und Verarbeitung von Eindrücken, Zuständen, Entwicklungen und Möglichkeiten ist unentbehrlicher Ratgeber,
Anreger und Motor für alle, die kreative Entscheidungen treffen müssen (und wer muss das nicht?).
  • Die bildende Kunst sprengt traditionelle Sehkonventionen, ignoriert Formzwänge und Stile, macht Lust auf neue Eindruckswelten; ihre
    unglaubliche Vielfalt zwischen Figuration und Abstraktion, Malerei und Plastik, Installation und Performance bis hin zu jedwedem Cross-
    Over sind Exempel für eine grenzenlose schöpferische Potenz und Wegweiser in Sachen Pluralität zugleich.
  • Die Musik als impressivste Form nichtsprachlicher Begegnung vermag Empfindungen zu wecken, die im Alltag verloren gehen, vermag
    emotional anzuregen, Lust zu schenken, Kontemplation zu ermöglichen. Sie ist eine nie versiegende Quelle zur Regeneration des
    Hörvermögens, das in unserer Zeit manchmal arg strapaziert wird.
  • Die Literatur, das unendlich ge- und versammelte Gedächtnis der Geschichte, erinnert uns daran, wie hochdifferenziert sprachliches
    Vermögen sein kann. Sie regt uns an, jenseits der Flut laufender Medienbilder, eigene bildhafte Vorstellungen zu entwickeln.
  • Das Theater schließlich, mit seinen mimischen und gestischen, sprachlichen und musikalischen , historischen und prospektiven
    Expressionen und Herausforderungen, ist ein einmaliger und durch nichts zu ersetzender ästhetischer Kosmos – das umfänglichste sinnvolle
    „Füllhorn“. Nirgendwo findet man Lessings Tat, mit dem Herzen zu denken und mit dem Kopf zu fühlen, so handfest und realistisch wie im
    Theater.

Was schlussfolgern wir aus diesen Überlegungen? Die Künste sind das Beet, aus dem weit mehr als nur exotische Blüten sprießen. Sie mögen mit ihrem Nutzen wirtschaftlich nicht exakt quantifizierbar sei, dennoch sind sie die unentbehrlichsten Nutzenstifterinnen unserer
Gesellschaft – insofern ist kein in Kultur investierter Euro, kein Mäzenen- und Sponsorenbeitrag nutzlos. Umgekehrt, wer an seiner
Kultur und ihren Künsten spart, verknappt die ästhetischen Ressourcen- und mindert damit die Zukunftschancen – auch unserer Stadt!

(2) Zur aktuellen Kulturpolitik in Bielefeld
Die Folgen des skrupellosen internationalen Finanzkapitalismus und seiner Krise sind nun in den öffentlichen, d.h. zuletzt den kommunalen Haushalten angekommen.
Den Gremien der kommunalen Selbstverwaltung ist durch die Bezirksregierung auferlegt, den Haushalt zu konsolidieren, d.h. Steuern und Abgaben zu erhöhen und bei den Aufwendungen und Leistungen zu kürzen.
Ich kann ihnen hier und heute nach den Beratungen im Kulturausschuss und im Betriebsausschuss Bühne und Orchester versichern, dass wir in Bielefeld unsere Zukunftsressourcen nicht verknappen.
Hinter den Kulissen wird gespart, in der Verwaltung nicht an der Leistung. Der Doppelhaushalt 2010/2011 wird keine Strukturen zerschlagen, keine Sparte schließen oder Kulturinstitute abwickeln – Hiobsbotschaften die uns kulturpolitisch Interessierte ja tagtäglich von anderswo erreichen. Wir stehen zu unserem Drei-Sparten-Theater und den freien Theatern, zu den Museen und Bibliotheken, zur Musik- und Kunstschule, zur Volkshochschule und zur so genannten freien Szene – im Stadtzentrum wie in den dezentralen Stadtbezirken.
(3)   Last but not least -  zur aktuellen Kulturpolitik hier in Sennestadt
Was macht für mich aus dem Stadtbezirk Stieghorst kommend mit seinen – Gott sei es geklagt – städtebaulichen Sünden das besondere an der Sennestadt aus? Oder anders gefragt, was unterscheidet ihren Heimatort von den anonymen Mehrfamilienhaussiedlungen oder seelenlosen suburbanen Agglomerationen von Einfamilienhäusern?
Es ist das Planvolle Reichows und seiner Mitarbeiter. Die Seele der Stadt, ihre sinnliche ästhetische Mitte, ihr Proprium vor allen anderen Stadtbezirken und Nachbargemeinden ist der Skulpturenpfad.
Mit Leidenschaft, Zielstrebigkeit und visionärem Blick haben Sie (und ich schaue jetzt ganz besonders Horst Thermann an) den Menschen
die Fixsterne und Identifikationspunkte einer neuen Heimat gegeben.
Die Ortsbildpflege und Weiterentwicklung hat sich der Sennestadtverein – auch ein Unikat (manche sagen ein Unikum) – mit seinen 550
Mitgliedern zur Aufgabe gesetzt, zusammen mit seinen anderen Abteilungen organisieren sie die „Kultur vor Ort“ und bieten so den hier
Lebenden kulturelle Zugänge, die sie sonst nicht hätten. Einzelheiten erspare ich hier, es hieße Eulen nach Athen tragen.
Durch den Teutoburger Wald und die A2 ist die Sennestadt sozialgeographisch wie mental von den zentralen Bielefelder Bezirken – wenn auch
nicht unüberwindbar, aber doch getrennt. Eine Zentralverwaltung würde Sie hier als Peripherie wahrnehmen und damit das Eigene,
Eigentümliche, Basisnahe verkennen. Als Ratsmitglied, der seit 16 Jahren selbst auch Bezirksvertreter ist, werde ich in meiner Fraktion
für den Erhalt der Bezirksamtsleiterstellen stimmen.
Und als stellvertretender Bielefelder Vorsitzender einer großen sozialen und demokratischen Partei werde ich meine Parteifreunde an
gemeinsam auf Parteitagen dazu gefassten Beschlüssen erinnern. Damit Sie aber nicht meinen, ich würde jetzt im Tucholskyschen Sinne als
Redner die Gelegenheit (für Parteipolitik) missbrauchen, schließe ich mit einem unverfänglichen Zitat: „Kulturförderung ist keine Subvention, sondern eine unverzichtbarer Investition in die Zukunft der Gesellschaft.
Ein kluger Satz. Er stammt aus dem Koalitionsvertrag von Union und FDP im Bund. Ein kluger Satz, denn er stand auch schon so – cum grano salis - im Vertrag der großen Koalition. Lassen Sie uns ihn beherzigen!
Vielen Dank!

Diese Seite wurde zuletzt am  25. Oktober 2010   aktualisiert
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