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Kulturkreis: "Die Figur" Vernissage mit Jutta Kirchhoff


Grußwort von Dr. Manfred Strecker
Meine Damen und Herren,
ich begrüße Sie herzlich in dieser Ausstellung mit Bildern und Skulpturen von Jutta Kirchhoff. Eigentlich handelt es sich hier um den zweiten Teil einer Ausstellung, einer Doppelausstellung. Denn ursprünglich wollte Jutta Kirchhoff mit der ihr eng verbundenen Künstlerkollegin Magdalene Bischinger zusammen hier in den Räumen ihre Werke zeigen – wie es die beiden Künstlerinnen, beide seit Jahrzehnten in Sennestadt wohnend, in den vergangenen Jahren hier und dort immer wieder einmal getan hatten. Nun, beide Künstlerinnen haben genügend künstlerisches Gewicht, um in diesen Räumen im Sennestadthaus allein eine Ausstellung zu bestreiten. Das haben viele von Ihnen, meine Damen und Herren, bei der Ausstellung von Magdalene Bischinger vor einem Jahr gesehen, und das sehen Sie heute in dieser Ausstellung von Jutta Kirchhoff. Gut, dass jede hier für sich geblieben ist. Was an anderen Orten sozusagen Dialoge zwischen den Werken der beiden Künstlerinnen ermöglicht hatte, hier wären sie sich sicherlich in die Quere gekommen.
Vor einem Jahr hatte ich die Ehre, in die Ausstellung von Magdalene Bischinger einzuführen, eine Ausstellung, die einige von Ihnen, meine Damen und Herren, sicher gesehen haben. Heute habe ich die Ehre, Sie mit der Kunst von Jutta Kirchhoff vertraut zu machen, einer Bildhauerin, die zugleich ein malerisches Werk verfolgt, das hier in der Ausstellung einen größeren Anteil nimmt. In beiden Künsten entwickelt Jutta Kirchhoff das gleiche Thema, das gleiche Sujet in unterschiedlichen Ausprägungen.
Zutreffend, was dieses ihre Kunst durchlaufende Thema betrifft, heißt die Ausstellung hier und heute: „Die Figur“. Der Titel und die Werke schlagen ein Urthema der Kunst an. In der Figur wurden einst die Götter sichtbar, personifiziert im Menschenabbild. Bis sich der Mensch in der Kunst alsbald selbst in den Mittelpunkt rückte und sich beispielsweise in der Plastik selbst zum Thema machte – in einer Idealgestalt natürlich, also nach gewissen Normen der Schönheit, nicht nach dem Bild von uns gewöhnlich Schiefen und Krummen – wenigstens galt diese Schönheits-Vorstellung bis zur Moderne. Gewiss hatte es in dieser Kunstgeschichte der Figur Gebote und Verbote über das Wie der Menschendarstellung, wechselnde Vorstellungen über das Schickliche und Unschickliche gegeben, kaum aber Zweifel daran, dass der Mensch der Kunst Vorwurf und Maß gab – wie es sich etwa in der nachgelassenen Schrift Goethes „Verein der deutschen Bildhauer“ bündig ausgedrückt findet: „Der Hauptzweck aller Plastik ist, dass die Würde des Menschen innerhalb der menschlichen Gestalt dargestellt werde. Daher ist ihr alles außer dem Menschen zwar nicht fremd, aber doch nur ein Nebenwerk, welches erst der Würde des Menschen angenähert werden muss.“
Wir wissen es freilich heute anders. Diese kunstphilosophische Position, die nicht nur Goethe auf den Punkt gebracht hat, hatte geschichtlich schließlich keinen Bestand mehr in der Bildhauerei. Im 20. Jahrhundert ist das künstlerische Denken nach dem Maß der menschlichen Figur lange außer Kurs, zumindest aber in eine Randlage geraten, in der nur außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeiten das Thema Figur weiter verfolgt hatten. Dass die menschliche Figur den wahren Anfang und das wahre Ende der Plastik bedeute, erschien etwa dem Bildhauer des Jugendstils, Hermann Obrist, nach einer Äußerung von 1901 als ein „verhängnisvoller Wahn“. Dem rumänisch-französischen Bildhauer Constantin Brancusi wird das folgende Wort nachgesagt: „In der Plastik sind die Formen nackter Menschen nicht so schön wie jene von Kröten.“ Und diese beiden Zitaten stehen hier nur für unzählige pointierte und polemische Abrechnungen mit der figürlichen Plastik.
Die Figur in der Kunst des 20. Jahrhunderts, also der Moderne, darüber ließe sich natürlich tagelang ohne Ermüdung vortragen und diskutieren. Warum aber deute ich einen so großen kunsthistorischen Bogen wegen einer Ausstellung im Sennestadthaus an? Weil diese Ausstellung heute hier nicht nur thematisch, sondern auch was die Künstlerpersönlichkeit Jutta Kirchhoffs betrifft, überhaupt was die Kunst- und Ausstellungstradition in Sennestadt betrifft, zwar gewiss nur eine minimale, aber akzentuierte Welle in diesem weitläufigen Strömungs- und Gegenströmungsgeschehen künstlerischer Auseinandersetzungen aufgeworfen hat.
Ich möchte Sie, meine Damen und Herren, an ein lokales Kulturkapitel erinnern. In einer Zeit, und zwar in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als noch gar nicht sicher ausgemacht war, dass der Bann des Kunstgeschmacks, der über der menschlichen Figur als Thema der Kunst und vor allem der Plastik lag, alsbald gebrochen werden würde, hat sich Sennestadt als eine Nische der figürlichen Bildhauerei angeboten. Die drei stadtweiten Großausstellungen „skulptur aktuell“ 1982/83, 1985/86 und 1989 hatten markante Positionen der prekären figürlichen Bildhauerei in Deutschland in Sennestadt vorgestellt. Und auch die vierte „skulptur aktuell“ mehr als 12 Jahre später setzte daran teils noch einmal an.
Natürlich hatte sich diese Ausrichtung auf die Figur auch deshalb in den 80er Jahren angeboten, weil die drei in Bielefeld an den Hochschulen bestimmend lehrenden Bildhauer zu dieser Zeit figürliche Plastiker gewesen waren; und diese drei wurden für diese Ausstellungsprojekte „skulptur aktuell“ gewonnen. Diese Bildhauer haben auch prägnante Zeugnisse ihrer Kunst im öffentlichen Raum von Sennestadt hinterlassen. Zwei dieser drei Gewährsleute von „skulptur aktuell“, Peter Sommer und Rainer Hagl, lehrten an der Universität Bielefeld. Das „Große Standstillleben“ von Peter Sommer hier im Sennestadtsee wird bald wieder ins Winterlager verlegt. Eine Plastik mit dem Titel „Wandlung“ von Rainer Hagl – eine seiner für diese Zeit typischen von einander abgesetzten, aber aufeinander bezogenen Doppelfiguren – steht unten neben dem Eingang des Sennestadthauses. Von dem dritten aus diesem Kreis, von Richard Heß, der seit 1980 bis 2001 am Fachbereich Gestaltung der Bielefelder Fachhochschule gelehrt hatte, stammt eine Tier-Mensch-Gestalt, ein "großer Minotauros" vorne auf dem Reichowplatz.
Und das ist nun die Stelle, diese etwas weitläufig angeführte Vorgeschichte mit der Ausstellung „Die Figur“ von Jutta Kirchhoff hier zu verdrahten. Jutta Kirchhoff gehörte nämlich zu den ersten Bielefelder Schülerinnen von Richard Heß, als dieser Anfang der 80er Jahre die Berufung an den Fachbereich Gestaltung angenommen hatte. Jutta Kirchhoff war da allerdings ein bisschen älter als ein gewöhnliches Erstsemester, sie nahm ein Zweitstudium auf, zu einer Zeit als eben auch die jüngeren Nina Koch oder Wolfgang von Chamier oder Bärbel Dieckmann und einige andere mehr, die Sie, meine Damen Herren, vielleicht kennen, sich unter diesem Lehrer auf den künstlerischen Weg machten. Und um das hier als biografische Notiz einzufügen. Im Erststudium hatte Jutta Kirchhoff in Krefeld Textildesign studiert. Die Bildhauerei lernte sie danach, aber schon vor der von Heß betreuten Klasse handnah kennen. Jutta Kirchhoff lernte die technische Seite der Bildhauerkunst eher in der Rolle einer Ateliersgehilfin als einer Schülerin des in Langenberg im Kreis Gütersloh wohnenden, vor einigen Jahren gestorbenen Bildhauers Heinz Bergkemper kennen (über Bergkemper, wie auch über Heß, habe ich als Feuilletonredakteur der „Neuen Westfälischen“ gelegentlich geschrieben).
Was nun die zweite Bildhauerlehre betrifft, so sieht Jutta Kirchhoff noch hier und da Einflüsse von Richard Heß in ihrem eigenen Werk, in kleineren Skulpturen zum Beispiel, die hier aber nicht, nur in ihrem Atelier zu begutachten wären. Anders als dieser Lehrer hat sich Jutta Kirchhoff, wie Sie, meine Damen und Herren hier sehen, die Malerei nicht verboten. Der Vater von Heß war Maler gewesen, dem er aus Trotz in diese Kunst nicht folgen wollte, obwohl er selbst in seiner Bildhauerei, vor allem im Relief, eine Neigung zum Erzählerischen am Werk sieht, also ein „bildhaftes Denken“, wie es üblicherweise die Malerei auszeichnete. Aber es gibt natürlich noch einen tieferen, im künstlerischen Temperament liegenden Grund, der die Schülerin ihren eigenen Weg gehen ließ. Heß verspürte die Wurzel für plastische Gestaltung im eigenen Körpergefühl, daraus leitete er auch den Drang seiner Skulptur ins vollplastische, sinnlich gespannte Volumen her. „Ich glaube, ich bin ganz voluminös, und das hat wahrscheinlich mit der Größe und Prallheit meiner Figuren zu tun.“
Das Volumen der Figur als Ausdrucksträger, also die quellende, schwellende oder athletisch durchmodellierte, kraftstrotzende, dem Schicksal die Stirn bietende Figur – all das, was sich im körperlich modulierten Volumen zu spiegeln vermag, all das spielt in der Kunst von Jutta Kirchhoff eher eine untergeordnete Rolle.
Im Mittelpunkt ihrer Kunst steht die Figur, wie sie sich hält, wie sie sich im Feld der Schwerkraft stellt, wie sie sich in ihren Bewegungsmöglichkeiten auszudrücken vermag. Jutta Kirchhoff geht es um die Befindlichkeit der Figur, wie diese sich in deren körperlicher Situierung zeigt. Befindlichkeit prägt sich aber immer vor dem mal merklichen, mal verschwindenden Grund eines Wesens, des Menschen, aus, das sich notwendig in Beziehung befindet – zu anderen Wesen seinesgleichen. Weswegen auch viele große Gemälde hier in der Ausstellung die Figur in Konstellationen zu anderen Figuren darstellen, Konstellationen, in denen sich Beziehungsformen zeigen. Aber auch da, wo Jutta Kirchhoff die Figur durch Bewegung charakterisiert, ist das Volumen nur untergeordnet. Das bezeugen schon die kleinen Figuren vorn in den Vitrinen am Flur im Eingangsbereich.
Doch noch einmal zurück zum Körper, genauer zu einem erspürenden Körpergefühl, mit dem wir uns einfühlend den anderen oder andere Gefühlslagen oder die Gefühlslagen anderer erschließen, mit dem sich vor allem Bildhauer die Figur aufschließen: Kunst, vor allem die von Bildhauerei inspirierte Kunst, vermag zu berühren, wenn sie dieses erspürende Körpergefühl anzuregen vermag. Solche Kunst gibt uns nicht nur Anblicke der Welt – gesehen durch ein Temperament, nach einem berühmten Wort –, sondern vermittelt uns Einsichten über unsere Welthabe, nämlich unseren Anhalt an der Welt und unsere Bindung an die Welt durch unsere Körperlichkeit. Körper bereitet nicht nur Sinnenglück, im Körper werden wir sichtbar, im Körper sind wir einerseits gesellungsfähig wie gleichermaßen angreifbar. Körperlichkeit ist die Wirklichkeit und das Zeichen unserer Endlichkeit.
In dieser Spannungslage spielt vermutlich auch das Körpergefühl, aus dem Jutta Kirchhoff die Figur ihrer Kunst gewinnt. Auf der einen Seite sehen wir in ihren Bildern und auch in vielen Plastiken die Figur statuarisch, aufgerichtet, in geschlossener Silhouette. Und doch wirkt dieses Figurenmuster, das man aus der Frühzeit der Plastik kennt und das damals vermutlich einen archaischen Eindruck, eine Überwältigung vermittelte, bei Jutta Kirchhoff immer gedämpft, gebrochen, zurückgenommen.
Die Figuren, die Jutta Kirchhoff – in einem Bereich ihres Oeuvres – hinsetzt und uns vorsetzt, wirken immer auch ausgesetzt. Und zwar durch subtil eingesetzte künstlerische Mittel. Etwa bei dieser offenkundig bekrönten, also könighaften Büste zum Beispiel nimmt eine kleine Wendung, Drehung und Neigung des Kopfes der Figur alles Herrschaftliche, alle Unterwerfung heischende Pose. Und in vielen weiteren Beispielen, etwa auch in der Malerei, bekundet Jutta Kirchhoff einfach nur durch aufgekratzte Oberflächen die wesentliche Öffnung der Figur zur Welt, die Angewiesenheit der Figur, ihre mangelnde Selbstherrlichkeit und damit eben konstitutionelle Angreifbarkeit.
Daran wird die künstlerische Grundposition Jutta Kirchhoffs gegenüber der Figur ebenfalls offenkundig. Die Figur ist – wie schon angedeutet – in Jutta Kirchhoffs Werken, auch wenn sie allein steht, niemals allein, das heißt, niemals aus sich allein zu verstehen. Dass die Figur immer in Beziehungen ist, hat Jutta Kirchhoff mehr und mehr dazu geführt, das Zwischenspiel zwischen den Figuren zu erkunden, die natürlichen Choreografien, wie sie sich in alltäglichen Begegnungen zwischen Menschen unbemerkt, unbewusst herausbilden. Kommunikation ist, aus den Augenwinkeln betrachtet, eine Begegnung, die sich in einem gleichsam tänzerischen Hin und Her der Gesten und Bewegungen, einem Aushandeln, wer führt, und von spielerischen Führungswechseln entwickelt. Wo Menschen aufeinander treffen, zum Beispiel bei Gelegenheiten wie Vernissagen, wie diese hier heute, bietet sich Jutta Kirchhoff ein reiches Beobachtungsfeld – wenn sie nicht selbst im Mittelpunkt steht und ihre Aufmerksamkeit anderweitig beansprucht wird.
Diese Alltagschoreografien, diese getanzte Begegnungen arbeitet Jutta Kirchhoff zum Beispiel in kleinen Partituren aus, auf den Ölzeichnungen, die Sie, meine Damen und Herren, oben neben dem Eingang zum Saal genauer betrachten können. Die freie Bewegung der Hand setzt sich dabei locker in die freie Bewegung des Sujets um. Auch hier ist Körper nicht als Volumen gedacht und gezeigt, sondern eigentlich als bewegliche, kaum in Ruhe verharrende und identifizierbare Zentralachse, von der aus die Bewegung in den Raum zielt oder die die Bewegung der anderen in Resonanz aufnimmt, erwidert, sie dabei vielleicht falsch deutet oder ihr zu widerstehen versucht. Bei den großen Rückenakten Jutta Kirchhoffs ist dieses Verhältnis von zwar massivem, aber nicht feststellbarem Kern, dem Körper, zu der Unrast und der ausgreifenden Bewegung an der einzelnen Figur markant durch- und ausgearbeitet, und zwar im Gegenspiel von massiver Fläche, schwungvoller Kontur und nervöser Linie.
In den großen Collagen Jutta Kirchhoffs nun finden Sie, meine Damen und Herren, dazu Erweiterungen, Vertiefungen, Substanzialisierungen. In diesen großen Arbeiten öffnet Jutta Kirchhof die Innenseite der Figur. Figur ist nicht nur gegenwärtiger Körper, sondern jede Figur hat ihre Geschichte. In der Figur bilden sich Niederschläge aller Erfahrungen, also von den Erfahrungen all der vergangenen, manchmal verzweifelt ritualisiert wiederholter „Tänze“, um das einmal so zu sagen – Niederschläge positiver und negativer, lustvoller und leidvoller Erfahrungen. Diese kristallisieren sich und prägen sich aus in bleibende Gegensätzen, in inneren Spannungen, in Charakterspaltungen, die sich nun – Bewegung hemmend oder diese in gewissen Richtungen beschränkend – in starren Gefügen verfestigen. Die Figur ist nicht ohne einen inneren Schatten. Denn zu einem besonderen Tanz der Beziehung, zum Reigen schieren Glücks, dazu schließen sich Figuren – wir kennen in der Kunstgeschichte beseligende Bilder davon – nur selten zusammen, wie wir alle wissen. Darüber nicht hinwegzutäuschen, das gibt der Kunst Jutta Kirchhoffs Reife.
Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren, für Ihre Aufmerksamkeit.

Diese Seite wurde zuletzt am  25. Oktober 2010   aktualisiert
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