Die Geschichten handeln überwiegend vom Gebiet des heutigen Senner Hellweg
Senner Geschichten: Also lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss
Man sprach schon lange davon daß ich, wie meine älteren Geschwister auch, demnächst in die Schule müsse. Begeistert war ich gerade nicht davon, denn immerhin hatte ich wiederholt mitbekommen, daß insbesondere mein Bruder, außer zu Hause, auch noch in der Schule Sänge bekam. Es war daher klar, daß nach dem Verhältnismäßigkeitsprinzip von zu Hause, ich in der Schule bestimmt nicht besser abschneiden würde als mein Bruder.

Darum hatte ich mich schnell hinter den dicken Torpfeiler bei Schilling gestellt, als ich meinem Vater das Essen gebracht hatte und die Lehrerin Frl. Ensenroth per Fahrrad die Straße entlang kam. Ich hielt es für absolut sicher, daß sie, wenn sie mich gesehen hätte, vom Fahrrad gesprungen wäre und mich erst mal verdroschen hätte, denn das hatte mir meine Mutter oft genug angekündigt.

Aber mit Ostern 1918 kam die schicksalsschwere Zeit heran. Zuvor jedoch sollte ich einen neuen Anzug haben; denn schließlich konnte ich nicht mehr im Russenkittel zur Schule gehen. Die Zeiten im 5. Kriegsjahr waren verdammt schlecht. Das merkten sogar wir Kinder. Zeug, Schuhe und Strümpfe hielten meist nicht länger wie von 12 bis Mittag, da sie z.T. nur aus Papier waren.

Aber war vielleicht war beim "Juden" Bornheim noch etwas zu bekommen, denn der hatte für seine alten Kunden immer noch irgendwo etwas in der Ecke. Und so machten sich Mutter und Sohn auf nach Oerlinghausen und es war nicht umsonst. Einen schönen grünlichen Anzug hatte ich bekommen, dazu noch ein Taschentuch mit einem Zeppelin drauf.

Hoch zufrieden zogen wir beiden wieder unterhalb des Berges der Heimat zu, ich traditionsgemäß immer 10 -20 m hinterdrein, bis an eine Stelle, an der ein Pfad nach links abbog und den ich vom Beerensuchen schon kannte und einschlug. Die Mama aber ging weiter geradeaus, bis sie sich gelegentlich mal nach ihrem Willi umsah und nichts mehr sah. Sie war daraufhin eine ganze Strecke zurückgelaufen und als sie mich nicht fand, war der Verdacht aufgetaucht, daß ich mich evtl. seitwärts in die Büsche geschlagen haben konnte. Ich aber war schon lange zu Hause, als ich Mama eilenden Fußes nach Hause kommen sah. Anschließend hatte ich Hochzeit.

  Aber wie's so geht. Trotz der vielen Ankündigungen und des neuen Anzuges hatte man vergessen, mich am Einschulungstag hinzuschicken. Und am 2. Tag durfte ich den neuen Anzug wegen Schonung schon nicht mehr anziehen. Dafür ließ ich dann aber in der Schulbank meine Mütze mit einem aufgenähten "Kronprinz Wilhelm" - Band auf dem Kopfe. Und ehrlich gesagt, eine Mütze oder einen Hut habe ich auch später nie gerne abgenommen.

Die Schule bot viele Überraschungen. Als erstes merkte ich, daß die mir' so oft angedrohten Prügel ausblieben, was ich natürlich als sehr angenehm empfand. Dann lernte ich neue Schulkameraden kennen. So hatte Fritz Petersmeier vom Fastabend eine wunderschöne Schürze mit 2 aufgestickten gekreuzten schwarz-weiß-rot Fahnen. Mit in meiner Bank saß Gustav Sielemann und wenn er später kam, fragte er höflich auf hochdeutsch: "Darf ich da bitte einmal vorbei?" Ich habe ihn immer wieder wegen seines ausgezeichneten Hochdeutsches bewundert. Ich, wie die meisten anderen sprachen noch besser platt wie hoch. Dafür konnte ich aber besser Tierstimmen nachmachen und konnte Kuhbrummen und Ziegenmeckern originalgetreu zum Besten geben.

Was mich aber immer schrecklich gewurmt hat, war, daß ich den alten schäbigen roten Mädchentornister meiner Schwester Paula tragen mußte. Ich war eben der letzte Junge und da gabs nichts Neues mehr. Die anderen Schüler hatten zwar auch nur Tornister aus Pappe, aber immerhin waren es Jungentornister.

Aber es gab noch anderes. Da hingen an der Wand 3 Kaiserbilder und hinterm Pult des Lehrers ein Bild "Wanderers Abschied", dann durften wir auch noch die 9. Kriegsanleihe mit je 5,00 M zeichnen und für je 5 Pfg. einen Nagel für den Sieg ins Schild schlagen. Aber geholfen hat's nicht mehr, im November 1918 war der Krieg verloren. Ich weiß noch wie wir am 10. November 1918 auf unserer mit einer Karbidfunzel matt erleuchteten Deele saßen, um Rüben abzuschneiden, eine von allen ungern getane Arbeit und unser Vater berichtete: "Dä Kaiser hät afdanket." Darunter konnte ich mir zwar nichts vorstellen, doch mußte es etwas Wichtiges sein. Und ½ Jahr später, als die Kaiserbilder immer noch an der Wand hingen, sagte mir Strunks Walter: " Wenn dä do nich baule wegkumt, kümmt use Papa mol hiar hen und nimmtse do denne, dä däut dat." Der alte Strunk und auch später sein Sohn Walter waren tonangebende SPD-MItglieder in Senne II.


Diese Seite wurde zuletzt am  03. Oktober 2012   aktualisiert
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