Die Geschichten handeln überwiegend vom Gebiet des heutigen Senner Hellweg
Senner Geschichten: Ein Ball - ein Ball - ein Königreich für einen Ball
Tragödie in zwei Akten
Der Tragödie 1. Teil
Hinter unserem Hofraum befindet sich noch ein Pferdestall, in dem z. Zt. der Farbe nach unbeschreibbare Pferde Wohnung bezogen haben. Tagsüber, wenn sie auf der Weide sind, bekommen sie oft Besuch von spazierengehenden Erwachsenen und mehr noch von Kindern. Die Pferde freut das, bringen die Besucher doch meistens etwas an Leckereien mit.
Von heute aus gesehen, mag es etwa drei Wochen her sein, dass Kinder nach ihrer Visite einen grünen Tennisball dort liegen ließen. Ich habe den Ball dann mitten auf den Weg gelegt, damit die Kinder ihn beim nächsten Besuch wieder mitnehmen konnten. Aber der inzwischen etwas schmutzig gewordene Ball liegt immer noch da. Anscheinend will ihn niemand mehr haben, hat man doch zu Hause wahrscheinlich genügend Ersatz.
Warum ich Ihnen die so überaus banale Begebenheit erzähle, nun das will ich im Folgenden berichten:
Die Begebenheit liegt schon ein 3/4 Jahrhundert zurück.
Der 1. Weltkrieg war schon einige Jahre vorbei, aber es herrschte noch große Not im Lande, wie das nun mal so ist nach einem verlorenen Krieg. Die Kaufläden hatten sich zwar schon wieder bescheiden gefüllt, aber kaufen konnte man nur wenig, denn die Mark - einst eine der besten Währungen der Welt - war nichts mehr wert. Das Gespenst des Dollar schwebte über Deutschland und die Zahlen auf den Geldscheinen wurden immer astronomischer.
Im Riesberg'schen Laden, der sich mit Bäckerei im hinteren Trakt der Ramsbrock'schen Gastwirtschaft befand, gab es u. a. auch Gummibälle so in der Größe der heutigen Tennisbälle. Von denen hätten wir 3 Schüler von nördlich der Bullerbrinke leidenschaftlich gerne einen gehabt - nur so zum Spielen sonntags nachmittags. In der Woche brauchten wir keinen Ball, da mussten wir Kuhbauern-Jungs uns immer am täglichen Kampf ums Überleben beteiligen.
Nur Schlingmanns Erich, der Älteste von uns Jungs und der den selben Schulweg hatte wie wir anderen dreie, der hatte schon einen Ball, der hatte so pö a pö sich Eier aus den Hühnernestern "besorgt" bis er so viele zusammen hatte, bis er dafür einen Ball eintauschen konnte. Aber das hatte auch nur einmal geklappt. Als er wieder davon Gebrauch machen wollte, nahm die dicke Riesberg'sche keine Eier mehr an. Ein Teil der Eier sei schon faul gewesen und das sollte wohl stimmen.

Jedenfalls, wir anderen drei Erwin, Emil und ich, wollten uns an solch illegitimen Methoden nicht beteiligen, dazu hatten wir viel zu viel Angst vor den Eltern und die Eltern um Geld für einen Ball zu bitten, das war schier undenkbar.
  Aber mit Erichs Ball wollten wir auch nicht spielen, denn der wollte immer das Kommando haben und wenn wir nicht parierten, verdrosch er uns einfach, einmal sogar mit'm Holzschuh. Um diesem Elend abzuhelfen, hat dann meine große Schwester einen Ball aus Lumpen genäht und wie der aussah, daß können Sie sich ja wohl vorstellen. Aber lange brauchten wir ihn sowieso nicht, denn gleich am 1. Sonntag fiel der Ball beim Spielen in den Schornstein von Graumanns Backofen und weg war er.
Im Bemühen einen Ball zu bekommen ließen wir aber nicht nach. Und da gab es neuerdings eine Möglichkeit. Unser Schulweg - wir nannten ihn den breiten Weg - war in dem Bereich wo heute die Thomas Morus Kirche steht, so nass und zerfahren, daß uns oft die Holzschuhe im Dreck stecken blieben. Hier nun brachte der Bauer HaIermöller, der für die Eisengießerei Schilling Spanndienste machte, hin und wieder
ein Fuder verbrauchten Gießereisand in dem sich auch kleine Reste von Eisenguss befanden, um damit den Weg etwas begehbarer zu machen. Heute würde solches in Tun als Umweltverbrechen höchsten Ranges Verwaltungen, Parlamente und Gerichte beschäftigen.
Jedenfalls in diesen Sanden befanden sich - wie gesagt - noch Reste aus Eisenguss, der als Schrott in der materialarmen Zeit damals wertvoll war. Diese Restbestände an Eisen nun suchten wir auf dem Nachhauseweg aus dem Sand heraus und taten diesen in einen großen braunen ausgedienten Kaffeekessel, den wir zum Schutz vor anderen Dieben in einer Fichte oben auf dem Bullerbrink aufgehängt hatten. So nach vier Monaten und unendlich viel Aufstiegen in den Baum hatten wir den Kessel voll und ich wog in zu Hause auf unserer Dezimalwaage ab.

Nun kam damals wöchentlich ein "Lumpensämmler", ein alter Mann mit einem Handwagen, der sammelte so was was wir hatten, nämlich Eisen. Wir fragten ihn fast wöchentlich was er denn für ein Pfund Eisen gäbe, denn der Dollar stieg ja täglich und die Preise für Bälle auch und wir mussten ja immer rechnen Eisen gegen Ball.
Und eines Tages war es dann soweit, den Preis für ein Pfund Eisen x Kesselinhalt musste ausreichen, um den begehrten Ball zu erstehen. Wir bestellten den Lumpensämmler mit seinem Handwagen auf den Nachmittag zu uns. Es musste für den Mann eine arge Quälerei gewesen sein. Dann hängte er den Kessel Eisen an einer Federwaage auf, lud den Kessel samt Inhalt auf seinen Wagen und holte die Mi11ionen-Markscheine aus einer großen Mappe und zahlte. Aber da stimmte doch etwas nicht ... Ich bekam nur etwa die Hälfte an Geld als wir ausgerechnet hatten. Ein Missverständnis mit schrecklichen Folgen. Wir hatten mit Pfundpreisen und er mit Kilopreisen gerechnet. Es gab nur halbes Geld und keinen Ball.
 
2. Teil: Ein altes Sprichwort sagt: Wo die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten.
Noch am gleichen Nachmittag schickte mich meine Mutter mit einem Haufen Geld nach Riesberg ein Brot zu holen. Ein Graubrot, zur Abwechslung unseres Speiseplanes, aßen wir doch überwiegend selbstgebackenes Schwarzbrot.
Als ich den Laden betrat, sprach die Ladeninhaberin mit einer alten Frau in münsterländischem Platt, was sie offenbar sehr anstrengte. Jedenfalls war sie so durcheinander, dass sie mir sage und schreibe 6 Millionen Mark zuviel wieder gab. Ich bemerkte das Versehen zwar gleich, dachte aber sobutz an mein Verlustgeschäft 2 Stunden vorher und auch an den zu erwerbenden Ball. Ich tröstete mich später damit, dass Riesbergs ja das Geld morgen wieder kriegen würden, wenn wir den Ball kauften.
Noch am seIben Abend wurde zwischen uns dreien der Kauf des Balles besprochen. Und zwar am anderen Morgen nach der 1. Schulstunde noch bevor der neue Dollarkurs bekannt wurde und unser Geld wieder nicht ausreichte, musste Erwin den Ball bei Riesberg kaufen. Ich schied für den Kauf aus, da zu befürchten war, dass der Riesbergsche ihr gestriges Versehen wieder einfallen konnte und mir das Geld wieder abnehmen würde und dazu mein schlechtes Gewissen.
Und tatsächlich konnten wir den Ball für sauer verdientes und erschummeltes Geld kaufen und wir waren glückliche Besitzer von vielen anderen Mitschülern beneidet. Übermütig tollten wir denn auch mit dem Ball nach der Schule nach Hause und besprachen auch das Spielprogramm für den kommenden Sonntagnachmittag.
  Etwa 300 m vorm Hellweg trennten sich unsere Wege und wen ich den Löwenanteil zum Kauf des Balles beigesteuert hatte, durfte ich ihn auch als erster mit nach Hause nehmen. Nun war mein Glücksgefühl vollkommen, war ich doch z. Zt. sozusagen
Alleinbesitzer. Ich dribbelte mit dem Ball übermütig gen Haus bis es, ja bis es plötzlich "Pock" sagte, der Ball geplatzt und in zwei Hälften vor mir lag.
Fassungslos rief ich meine beiden Kumpel an den Ort des Geschehens und wir waren gemeinsam sehr traurig. Um mit Wilhelm Busch zu sprechen

  All unser Sehnen,
  all unser Hoffen,
  unseres Lebens schönster Traum
  liegt an diesem Fichtenbaum.

Einige Wochen später durfte oder musste ich bei Tönsgöken an der Lämershagener Straße einen Tag beim Dreschen helfen und abends bekam ich von Tönsgöken Luise 2 Billionen Mark in die Hand gedrückt und das waren am nächsten Tag 2 Rentenmark, echtes Geld.
Und was meinen Sie, was ich mir dafür kaufen durfte ...? Einen Ball ...?
"Nä, nen paar Holsken, da sind nediger ossen Ball," meinten meine Eltern.
Aber ein Jahr später hatten wir dann doch einen Ball. Woher? Weiß ich nicht mehr ...

Diese Seite wurde zuletzt am  27. September 2012   aktualisiert
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