Die Geschichten handeln überwiegend vom Gebiet des heutigen Senner Hellweg
Senner Geschichten: Frühe Pflichten
Unser Kleinbauernanwesen umfaßte insgesamt 4 ha, davon war etwa die Hälfte Heideland und Kiefernwald. Auf den restlichen 2 ha nicht besonders guten Senneboden wurden überwiegend Roggen, Kartoffeln und Futtergemüse angebaut. Heu mußte zugekauft werden. Von den Erträgen dieses Feldes mußten sich 6 Personen, 2 Kühe, 4 Schweine, 25 Hühner, 2 Hunde, 2 Katzen und eine ungezählte Schar Mäuse ernähren. Da es Wiese oder Weide bei uns nicht gab, mußten wir Kinder oft die Kühe an Arends Feld und in Thors Schonung, wo das Land schon besser war, hüten.

Mit ihren Kühen mußten das auch Schlingmanns und Graumanns Kinder. Das gab dann auch mal Gelegenheit zum Spielen. Solange die Biester vor Hunger gierig fraßen, ließen wir diese entgegen elterlicher Anweisung lose laufen. Aber je satter sie wurden, umso unruhiger wurden sie auch und sie fingen Streit miteinander an und es kam zum Boxkampf. Jede gegen jede, bis die ganze Meute letztlich, die Schwänze steil in der Luft wedelnd, den heimatlichen Ställen zu galoppierten. Nicht viel weniger schnell rannten wir dann auch nach Hause. Eine Tracht Prügel war uns gewiß, aber sollte es, wir hatten wenigstens mal 'ne Stunde spielen können.

Um ein Ausreißen unserer Kühe zu verhindern, hatten meine Brüder die 2 Kühe mit dem Schwanz aneinander gebunden, was einen wilden Tanz verursachte. Zum Glück glitt der Strick letztlich ab, denn wie hätte das ausgesehen, womöglich eine Kuh mit ausgerissenem Schwanz.
Wenn ich aber behaupten wollte, das alles habe uns Spaß gemacht, wäre das restlos übertrieben. Wir wurden eben alle früh in die Pflicht genommen und versuchten das Beste daraus zu machen.

Zu meinen übelsten Aufgaben gehörte auch das Aufpassen auf die Hühner. Entsprechend dem großen Freilandangebot rannten die Vögel bis zum 500 m vom Hause weg. Ja hin und wieder mußten wir sie von der Schule kommend, von der Wilhelmsheide wieder mit nach Hause nehmen. Dabei konnten wir meist nur am Richtungslauf erkennen, zu welchem Hof die Hühner gehörten. Natürlich waren die Hühner so vielfach eine leichte Beute des Fuchses, der hier fast ungestraft sein Unwesen trieb. Um das nicht zum Ruin werden zu lassen, war ich da.

  Auf den Gedanken die Hühner einzusperren, kam damals niemand. Die Hühner mußten sich außer der morgendlichen Fütterung selbst versorgen.

Besonders im Sommer, wenn das Korn groß war und der Fuchs seine Jungen zu versorgen hatte, war die Fuchsplage besonders groß. Zu dieser Zeit erzählte man sich schlimme Geschichten von der Verschlagenheit des Räubers. Unsere Tante Marie, die auf dem Sprunghof wohnte, wollte zu ihrer Wiese im Sprungbachtal. Da saß ein Fuchs am Wege und zeigte ihr die Zähne, hörte ich einmal selbst von ihr.
Kein Wunder, daß bei mir der Fuchs zum gesammelten Inbegriff alles Bösen wurde und mein tägliches Morgengebet an den lieben Gott die Bitte einschloß, mir den Fuchs vom Leibe zu halten. Da lag in Tönsgökens Kiefernpflanzung vorm Bullerbrinke ein trockener roter Fichtenflusch und weil alles was rot war, für mich mit dem Fuchs zu tun hatte, war es für mich stets ein Gräuel, meinem Vater das Essen nach Schilling zu bringen.

Nun hatten wir noch irgendwo eine alte riesengroße Schnippelmühle stehen, mit der man so schön Lärm machen konnte. Als eine wahre Mißgeburt war sie ihrem eigentlich Zweck nicht dienlich. Dieses Ding kriegte ich untern Arm gedrückt und mußte damit ums Feld rennen, alle 50 m auf die Erde setzen und Lärm machen, um den Fuchs in die Flucht zu schlagen. Solange ich das Haus noch übers Korn sehen konnte, machte ich das auch. Aber am Ende des Feldes, allein auf weiter Flur, ne, da war's besser leise zu sein, um nicht vom Fuchs gehört zu werden. Erst wenn ich das Haus auf der anderen Seite wieder sah, möllerte ich wieder.

Eines Abends - ich lag schon im Bett - rief mein Bruder aus dem großen Kirschbaum: "Do es 'n Voss ubn Howe." Und als ich den Namen "Voss" hörte, überkam mich ein richtiger Schüttelfrost.

Ja ich muß auch bekennen, daß ich mich noch erschrak, als ich mit Lina an einem schönen Maiabend an der "Schildmännerei" (Steinwegkreuzung) spazieren ging und ein großer Fuchs ungeniert aus der Schonung trat. Ja, was hat unsereins schon alles mitmachen müssen!

Diese Seite wurde zuletzt am  13. Januar 2012   aktualisiert
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